Regungslos steht der Storch auf dem Dachfirst eines Hauses an der Langholzstrasse. Ein Windstoss sträubt sein glänzendes Gefieder. Stoisch blickt er in immer dieselbe Richtung und lässt sich auch von lauten Geräuschen nicht beirren. «Das geht seit Tagen so», sagt Heidi Katzbach. «Zuerst war er aggressiv, jetzt scheint er depressiv zu sein.» Die Präsidentin des Storchenvereins Oetwil macht sich Sorgen um den Vogel. Letzten Frühling hatte dieser zusammen mit einem Weibchen ein Nest gebaut. Zusammen zogen sie einen Jungstorch auf, der im Spätsommer Richtung Süden zog. Auch seine Partnerin verliess das Nest. Nur der «Dachbesetzer» blieb zurück.
Ihr Nest hatten die beiden ausgerechnet auf einem Dach gebaut, das bereits von einem riesigen, weit über eine Tonne schweren Horst belegt war. «Das Gewicht wurde zu gross», erzählt Katzbach, «der Dachdecker musste das neue Nest im Herbst entfernen.» Zuerst reagierte der Storch nicht auffällig. Er hauste öfter im leerstehenden Nest seiner Nachbarn gegenüber. Dessen Bewohner überwinterten ebenfalls im Süden. Ende März kam das Paar jedoch zurück und der Zoff auf dem Dach ging los.
Eier im Garten zerplatzt
Der Single attackierte seine zurückgekehrten Nachbarn aufs Übelste. «Wir rechneten damit, dass die Tiere bei den Kämpfen verletzt würden», sagt die Fachfrau. Der aggressive Storch fiel nicht nur über seine Artgenossen her, sondern scharrte auch drei Eier aus deren Nest. Zwei zerplatzten im Garten des Hausbesitzers. Eines hatte sich beim Hinunterrollen in den Ästen des Horsts verfangen. Dort hängt es noch immer gut sichtbar zu erkennen durch das Fernrohr. «Ich bin aber nicht sicher, dass dies wirklich neue Eier sind», sagt Katzbach. Sie könne sich kaum vorstellen, dass das heimgekehrte Paar in so kurzer Zeit schon drei Eier gelegt habe. Nach zahlreichen erfolglosen Attacken stellte der Storch seine Angriffe ein und zog sich auf sein Dach zurück. Genau dorthin, wo vorher sein Horst war. «Vermutlich ist er auch verstört, weil seine Partnerin nicht zurückgekehrt ist», sagt die Oetwilerin.
Neuzuzüger mit Bauplänen
Während des Gesprächs landet auf einem Tannenwipfel in etwa 100 Meter Distanz plötzlich ein Storch. Sofort richtet Hans Jörg Katzbach sein Fernrohr auf den Baum. «Der hat Baumaterial im Schnabel», sagt er aufgeregt, «der plant dort ein neues Nest zu bauen.» Das wäre allerdings eine kleine Sensation, normalerweise beziehen die Störche bereits bestehende Nester. Bei dem Tier, das tatsächlich dicke Äste anschleppt, muss es sich um einen Neuzuzüger handeln. «Hoffentlich ist der Baumbesitzer mit dem unverhofften Bewohner einverstanden», sagt die Präsidentin. Der Bewohner an der Langholzstrasse jedenfalls will den Bau eines neuen Nests auf dem Dach verhindern und hat aus diesem Grund einen Plastikstorch auf die Stelle montiert. «Die Terrasse ist sonst vor lauter Kot nicht nutzbar», sagt der junge Mann, der die Attrappe über seiner Wohnung montiert hat. Obwohl ihm der ausquartierte Storch leid tue. «Ich kann den Mieter verstehen», sagt Katzbach, «das war tatsächlich eine unglaubliche Menge Dreck, die da vom Dach kam.»
Happy End auf der Tanne?
In Oetwil sind alle Störche zurück: In sechs Nestern wird bereits gebrütet. Unter ihnen ist auch das junge Pärchen SE277 und seine Gefährtin SE073, die im letzten Jahr zu lange rumturtelten, um noch Eier ausbrüten zu können. Trotz des Stresses mit dem einsamen Nachbarn könnte es dieses Jahr mit dem Nachwuchs klappen.
Um den heimatlosen Einzelgänger macht sich Heidi Katzbach Sorgen. Doch der Neuzuzüger auf der Tanne gibt Anlass zu Hoffnung: «Es könnte doch sein, dass diese beiden zusammenpassen», sagt sie. Das wäre das perfekte Happy End, denn dann könnte der ohne Zuhause direkt auf der Tanne einziehen. Das würde sicher auch die Nachbarn freuen.
