Online seit 24.01.2013 0:00
Der geplante Schritt nach vorne
Auf Erfolgskurs: Julia Bodmer hat in der laufenden Meisterschaft 12 ihrer bisher 20 Partien gewinnen können. Bild: André Springer
Tischtennis. Julia Bodmer hat im Sommer ihr Trainingspensum verdoppelt. Prompt erzielt sie für den TTC Wädenswil in der NLA nun doppelt so viele Siege. Die 20-Jährige ist die Entdeckung der laufenden Saison.
Stefan Kleiser

Das Wädenswiler Frauenteam ist die Überraschung der bisherigen Nationalliga-A-Saison. Nach den Abgängen von Cristina Tugui (zurück nach Deutschland) sowie Nationalspielerin Rahel Aschwanden (hat die Matura gemacht und trainiert jetzt in Wien) waren die Linksufrigen als Abstiegskandidaten gehandelt worden. Doch nach sieben von zehn Runden belegen die Wädenswilerinnen den 2. Platz.

Die Entdeckung ist Julia Bodmer, vor einem Jahr die Nummer vier hinter Tugui, Aschwanden und Spielertrainerin Sonja Wicki, der Schweizer Meisterin von 2005. «Spiel, so gut du kannst, es kommt sowieso nicht auf deine Resultate an.» So beschreibt Wicki Bodmers Ausgangslage in der letzten Saison. Für den Erfolg sorgten andere. Die einzige Wädenswilerin in der Equipe dagegen stand vor dem Lehrabschluss als Schreinerin und trainierte zum Saisonende wenig bis gar nicht.

Investiert ins Tischtennis

Prompt durfte Bodmer im Finale der Meisterschaft gegen Neuhausen nur ein Doppel bestreiten. Ihr damaliges Gefühl beschreibt sie als «Mischung aus Verständnis und Enttäuschung». Noch dazu wurde die Spielerin von B14 auf B13 herunterklassiert. In diesem Herbst und Winter ist alles anders. «Ich kann nicht klagen», sagt die 20-Jährige. 12 ihrer 20 Partien hat sie gewonnen und ihre Siegquote gegenüber der Vorsaison verdoppelt. Und Regionalmeisterin ist sie auch geworden.

«Die besseren Ergebnisse kommen nicht von nichts», erklärt Julia Bodmer. Um mehr Zeit für das Training zu haben, reduzierte sie nach dem Ende der Lehre im August ihr Arbeitspensum bei der Schreinerei Höhn auf 80 Stellenprozente. «Vorher waren es 120 Prozent», lacht sie, «vier Tage Schreinerei, ein Tag Schule und noch lernen zu Hause.» Julia Bodmer rechnet. Zwölf Stunden übe sie jede Woche, sagt sie dann. Das ist doppelt so viel wie vor einem Jahr. Allein am Mittwoch steht sie fünf Stunden an der Platte.

Auch im persönlichen Umfeld hat sich einiges verändert. Die Mutter ist mit dem Stiefvater und der sechsjährigen Halbschwester in die Westschweiz gezogen, die ältere Schwester studiert in Deutschland. Julia Bodmer führt nun ihren eigenen Haushalt in einer Drei-Personen-Wohngemeinschaft mit einer Lehrerin und einer Homöopathie-Studentin. Die gemeinsamen Aktivitäten beschränken sich jedoch auf das gelegentliche Kochen und Schwatzen. «Wir sind alle viel beschäftigt», erklärt Julia Bodmer.

Eigener Verein und Homepage

Wichtigste Bezugsperson ist nun Michael Grunder. Der Student aus dem TTC Zürich-Affoltern ist «mein bester Kollege und mein Mentalcoach». Der 19-Jährige und sein Vater Christoph (der für Bodmer Manager-Arbeiten erledigt) suchen nun Sponsoren. Erste Gelder sind zugesichert. Ende Jahr sollen die Mittel zusammen sein, um Trainingslager und Material bezahlen zu können. Geplant sind unter dem Motto «Professionalität und Fairness» auch die Gründung eines eigenen Vereins und eine Julia-Bodmer-Homepage.

«Die anderen Spielerinnen besuchen eine Sportschule oder haben von zu Hause Förderung», erklärt Julia Bodmer all dies. Ihr selbst reichte es nie in ein nationales Kader. In Wädenswil hat sie eine Sonderstellung, «irgendwo dazwischen»: nicht mehr Juniorin und einzige Spielerin mit Ambitionen. «Ich will zeigen, dass ich es ohne Profitrainer und Sportschule schaffen kann», sagt Julia Bodmer. Bisher haben sich die Veränderungen ausbezahlt. Im Januar wurde Julia Bodmers Klassierung auf B15 angehoben. In die nächste Saison will sie dann als A-Klassierte starten.

Wichtige Siege für den Kopf

Sie habe gewusst, dass sie mehr trainiert habe, sagt Julia Bodmer. «Aber ich wusste nicht, ob die guten Ergebnisse schon jetzt gelingen.» Sie tun es. Siebenmal hat die 20-Jährige heuer A-klassierte Gegnerinnen bezwungen. Darunter waren hoch gehandelte Talente wie die Ustermerinnen Liza Schempp und Céline Reust oder auch Petra Zykova, die tschechische Verstärkungsspielerin von Zürich-Affoltern. Der schönste Sieg? Das war der vor einer Woche gegen Jacqueline Weiss, meint Julia Bodmer. «Auf dem Papier war es vielleicht nicht der beste Sieg. Aber er war ein grosser Schritt, denn es war der erste Sieg gegen sie, seit ich mich erinnern kann.»

In der Statistik der Nationalliga A belegt Julia Bodmer Rang 6. Aber, sagt sie, mit Denisa Zancaner von Neuhausen sei die beste Spielerin nicht aufgeführt, da sie nicht die Hälfte aller NLA-Matches bestritten habe. «Und vier Nationalspielerinnen spielen im Ausland.» (skl)

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